Prolog

 

 

Am Ende des Tages wollte er niemandem mehr etwas schuldig sein.

Er hatte alles gegeben, mehr als er vertragen konnte. Nun wollte er einfach nicht mehr.

Es war still im Haus.

Der Strick war alt aber gut gearbeitet. Seinem Körpergewicht würde er ohne große Mühe Stand halten. Den alten Stuhl hatte er aus dem Keller geholt.

Langsam legte er den Strick um den Hals und zog etwas zu.

Der Stuhl wackelte etwas, aber was für eine Rolle spielte das noch.

Niemandem wollte er noch Umstände machen. 48 Jahre konnten genug gewesen sein für einen wie ihn.

 

Lächerlich, dachte er bei sich, nahm den Strick ab und stieg vom Stuhl hinunter.

Einfach nur lächerlich.

Lächerlich, sein Leben, dieser Tag, dieser Stuhl, dieser Strick. Dieser Moment.

Natürlich würde er nur anderen damit einen Gefallen tun. Schließlich schämte er sich für diese absurde Idee.

Einfach verschwinden, darin war er so gar nicht geübt.

Zwanzig gute Sommer waren noch möglich und eine echte Option. Er überlegte nicht lange, schleppte den Stuhl wieder dorthin, wo er gestanden hatte.

Müde, alt und krank fühlte er sich und blickte hinaus in die Dunkelheit.

War das alles, was das Leben für ihn bereitgehalten hatte?

Und war das der Fingerabdruck, den er hinterlassen würde?

Eindeutige Antworten gab es nicht. Die Wahrheit würde immer irgendwo dazwischen liegen.

Wahr und unwahr, rational und irrational, emotional und….

Er hatte alles so unendlich satt. Glück, das war nie ein längerer Zeitraum für ihn gewesen. Mehr als glückliche Momente hatte es nicht gegeben. Immerhin. Aber sollte er nun dankbar dafür sein? Warum?

An der Bar des Lebens hatte er seine Zeche bezahlt. Er konnte aufstehen und gehen. Vermissen würde ihn wohl kaum jemand.

Wenn das Dasein so etwas wie eine Mahlzeit war, vielleicht ein Frühstück oder ein Abendbrot, so bekam er keinen einzigen Bissen mehr hinunter. Das Hier und Jetzt steckte ihm im Hals.

Wind kam auf, Hagelkörner hämmerten gegen die Fensterscheiben, und in der Ferne bellte ein Hund.

Wie passend, dachte er bei sich.

Vielleicht sollte er einen Koffer packen. Einen Koffer voller Erinnerungen. Aber was sollte dort hinein?

Seine Kindheit?

Sein Verhältnis zu seinem Vater, das er nicht mehr hatte reparieren können, weil es zu spät war?

 Erinnerungen an seine Mutter, seine erste Liebe, den ersten Kuss?

 Etwas Platz musste auch für seine Krankheit bleiben, die seit Jahrzehnten Ruhe gab, aber manchmal wie ein Stachel in seinem Fleisch brannte.

Plötzlich dachte er daran, alles einzupacken, was ihm in den Sinn kam. Er hatte nichts mehr zu verlieren.

Ein sehr schwerer Koffer würde es werden. So viel war sicher.

 

 

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Schwarz Weiß 

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Shine a light

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November 23, 2012 · 15:20

Von vernetzten Gauklern und faulem Zauber

Als er um die Mittagszeit aufwachte, war noch alles gut.
Er drehte sich eine, fuhr den Rechner hoch und sah auf seiner Single – Seite, dass die Luft noch rein war. Kein Störenfried, keiner seiner Feinde trieb hier gerade sein Unwesen.
Beruhigt ging er erst mal einen Kaffee kochen. Während der so durchlief, klapperte er einige Profile ab, natürlich verdeckt. Wozu hatte man auch zig Identitäten. Er grinste zufrieden.
Schließich waren sie alle noch da. Die mit den langen Beinen auf Foto nr.4, die mit den sinnlichen Lippen und auch die mit der riesigen Oberweite. Tja, dachte er, alles meine Mädels. Lecker, einfach nur lecker.
Schrie er online nach einem Kaffee, war sicherlich gerade eine von ihnen auch da und servierte die Tasse, schwarz und natürlich ganz ohne Milch und Zucker.
Natürlich war das Leben gerade wieder grausam zu ihm.
Sein Vermieter machte ihm Dampf, weil er sich weigerte, das Treppenhaus wie alle anderen zu wischen und drohte ihm mit einer horrenden Erhöhung der Nebenkosten. Die würde das Amt nie bewilligen.
Dieser elende Schnösel!
Aber solange seine Mädels ihm die Stange hielten, war eh alles egal.
Das reale Leben war etwas für Wichtigtuer! Hier! Online! Da spielte die Musik…und er war der Bandleader, der Shouter, der Mann für die schrägen Töne und die verrücktesten Textzeilen.
Wurde es ihm zu bunt mit diesen pseudointellektuellen VollPfosten, gründete er mal wieder einen seiner berüchtigten Klubs. Als Anchorman, rasender Sportreporter, Politkritiker oder Chefanalyst der Single – Plattform war er dann unschlagbar unterwegs.
Als Zauberer und Gaukler fraßen ihm sogar die selbsternannten Forensahneschnitten aus der Hand.
Total inkognito schuf er immer neue Identitäten, Lebensläufe, erfand lebensbedrohliche Krankheiten, die er als ganzer Kerl sehr zum Leidwesen seiner Feinde angeblich überstanden hatte. Für sein höriges Gefolge klangen Nachrichten dieser Art immer wie Erlösung und Segen zugleich.
Die abenteuerlichsten Gerüchte rankten sich um ihn, den Geheimagent in „selbstloser“ Mission.
Erlösung und Herrschaft hatte er sich auf die Fahne geschrieben.
Versonnen blickte er auf den Bildschirm seines Rechners. Als gerade in diesem Moment einer seiner ärgster Widersacher einen Artikel postete, lachte er nur kurz schrill auf.
Welches seiner Fakes würde er nun wiederbeleben und in Stellung bringen für die passende Gegenattacke?
Online hatte er doch ohnehin den längeren Atem.
Er war pure Magie…

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In the shadows…

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Juni 1, 2012 · 19:57

Free as a bird…

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Mai 8, 2012 · 16:42

Take a seat…

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April 21, 2012 · 19:22